Editorial
Zeitschrift für Wirtschafts- und Verbraucherrecht
Dr. Kai-Oliver Knops, Köln/Hamburg
Mit Erscheinen dieser Ausgabe erhält „Verbraucher und
Recht“ einen neuen Untertitel. Die Bezeichnung „Zeitschrift
für Wirtschafts- und Verbraucherrecht“ verdeutlicht eine Entwicklung,
die sich vor über 20 Jahren durchzusetzen begann.
Vor allem die Gründungsherausgeber und ihr Kreis erkannten
früh die Bedeutung des Verbraucherrechts für das gesamte
Recht. Das Verbraucherrecht war und ist die andere Seite
des Rechts der Wirtschaft, das bis dahin vor allem als Recht
der Unternehmen galt. Aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehen
waren die Anstrengungen der Gegenseite, das
Verbraucherrecht insgesamt in eine Ecke des „Sonderprivatrechts“
abzudrängen. Nach Integration der wesentlichen verbraucherrechtlichen
Vorschriften in das System des Bürgerlichen
Gesetzbuchs durch die Schuldrechtsmodernisierung
sind die Verbraucherrechtler nicht länger gezwungen, ihr
„Lager draußen vor den Toren aufzuschlagen“ (Radbruch).
Die Immunisierung gegen die sozialen Folgen wie im Privatrecht
Windscheid-Laband`scher Prägung ist entfallen. Heute
beschäftigen sich wie selbstverständlich auch diejenigen
Institutionen und Lehrstühle oft primär mit dem Verbraucherrecht,
die sich zunächst bewusst gegen die besondere Bedeutung dieses Rechtsgebiets gestemmt haben. In Europa
ebenso wie in Übersee ist es selbstverständlich geworden, das
Verbraucherrecht als eminent wichtigen Teil des Rechts der
Gesellschaft zu begreifen. Der damit zunächst verknüpfte
gruppenspezifische Ansatz, ist lange Zeit zum Teil bewusst als
Systemveränderung missverstanden worden. Er ist heute
durch Normen ergänzt worden, die die Situationstypik bei
dem Bezug von Waren und Dienstleistungen erfassen. Gefällelagen
auszugleichen anstatt alleine formale Gleichheit zu
postulieren, Angriffe auf die Privatautonomie zu parieren, ist
nicht zuletzt durch das verbraucherpolitische Anliegen der
Europäischen Kommission, das europäische Vertragsrecht auf
dem Acquis Communautaire im Verbraucherrecht aufzubauen,
schon lange zu einer wichtigen Säule der Gesetzgebung
und des Rechts geworden. Dabei bildet der evolutionäre
Umgang mit dem „neuen“ Recht eine der zentralen Kernaufgaben
des Privatrechts und unterliegt ständigem Anpassungsdruck.
Keine Produktabteilung, erst recht nicht die
Rechtsabteilungen können sich dem entziehen. Ohne eine
umfassende Berücksichtigung des Verbraucherrechts entstehen
derart hohe Transaktions-, insbes. Abwicklungskosten,
dass es in rein ökonomischer Sichtweise ratsam ist, die Verbraucherbelange
von vorneherein umfassend zu beachten.
Der alte Glaube, Verbraucherrechte würden nur Kosten verursachen,
hat sich als Irrtum erwiesen und wird vielfach zum
Bumerang für diejenigen, die Verbraucherrechte beschneiden
oder wie etwa in den zahllosen Schrottimmobilienfällen erst
gar nicht zulassen wollten.
Mit der Änderung des Zusatztitels wird zugleich auch eine
Neuausrichtung verbunden. Die Aktivitäten des europäischen
Richtliniengebers wie des deutschen Gesetzgebers
haben seit Jahren einen Schwerpunkt im Bereich der Finanzdienstleistungen
und der damit im Zusammenhang stehenden
Gebiete. Sie bilden zugleich einen, wenn nicht sogar den
Konnex mit dem bislang und in Zukunft wichtigsten Partner
dieser Zeitschrift, der Verbraucherzentrale Bundesverband
e.V. wie dem Bund der Versicherten e.V. „Verbraucher und
Recht“ wird dieser Entwicklung u. a. dadurch weiter Rechnung
tragen, dass sich die Themenwahl noch stärker auf die
Gebiete des Bank- u. Kapitalmarktrechts, des Versicherungsrechts
sowie des Rechts der Verbraucherinsolvenz (nebst
Sanierung) konzentrieren wird. Hierzu wird die Redaktion
noch mehr als bislang engagiert von Prof. Kothe und Prof.
Schwintowski und seinem Team von NESTOR unterstützt. Im
Bankrecht haben Prof. Reich, Prof. Derleder und Ass. jur. Ullrich
Kulke ständigen Rat und Unterstützung zugesagt. Im
Versicherungsrecht ist Prof. Römer ein bewährter Kommentator.
Die weiteren wichtigen verbraucherrelevanten Themen
werden wie bisher durch Aufsätze und Wiedergabe der Rechtsprechung
(mit Anmerkungen), vor allem aber auch durch
Schwerpunkthefte hervorgehoben wie etwa mit der vorliegenden
Ausgabe, die hervorragend durch RA Walter Stillner
und Prof. Micklitz betreut wurde oder den entsprechenden
Themenheften im Reiserecht von Prof. Tonner. Regelmäßig
soll fortan zwei normalen Ausgaben jeweils ein Schwer- punktheft folgen. Zudem wird dieses Jahr zum 20jährigen
Bestehen der Zeitschrift, die dieses Jubiläum mit dem Institut
für Finanzdienstleistungen e. V. teilt, ein Sonderheft zu der
Konferenz „Geld sinnvoll nutzen – Neue Wege im Kredit” am
11. und 12. Mai 2007 in Hamburg erscheinen, zu der alle
Leser herzlich eingeladen sind (Programm und Anmeldung
unter www.verantwortliche-kreditvergabe.net). Im Rahmen des europäischen Netzwerks für
Verantwortung im Kredit (ECRC) werden dort unter anderem
Themen wie finanzielle Allgemeinbildung, Baufinanzierung,
Existenzgründungsdarlehen und private Überschuldung zwischen
Bankern, Wissenschaftlern, Verbraucher- und Schuldnerberatern
diskutiert sowie die neuesten Gesetzes- und
Richtlinienvorhaben bei Finanzdienstleistungen für Verbraucher
besprochen.
Das Recht auf dem Stand der wirtschaftlichen und der
gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu halten, ist nicht
lediglich Aufgabe des Gesetzgebers oder der Gerichte, die mit
der Realität nur teilweise und auch lediglich ausschnittsweise und zudem noch zeitverzögert konfrontiert werden. Die wissenschaftliche
Diskussion dient dabei nicht nur dazu, dem
Rechtsstab die Entscheidung vorzubereiten. Vielmehr fördert
der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen
Anbieter- und Verbraucherseite die innovativen Kräfte, vor
allem aber die Kommunikation zur Erarbeitung beiderseits
interessengerechter Lösungen und kann Fehlentwicklungen
von vorneherein zu vermeiden helfen. Verbraucher und
Recht soll dazu mehr denn je ein Forum bieten und auch die
Anbieterseite einbeziehen.
Sie, verehrte Leser, sind aufgefordert, an der Gestaltung der
Verbraucher und Recht mitzuarbeiten. Schreiben Sie mir, ich
freue mich auf Ihre Anregungen und Kritik – zu dieser wie zu
allen folgenden Ausgaben.
|