Suchen nach Urteil (ID):
Zu diesem Heft/In this issue
Gesetzentwürfe
Probeheft/Abo

Das aktuelle Interview

Schneisen in Zeiten des Informations-Overkills

Dr. Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg

Gemäß dem von der Verbraucherzentrale Bundesverband vorgelegten Verbraucherschutzindex 2008 erreicht Hamburg mit 77 Prozent der Gesamtpunktzahl den ersten Platz. Ein toller Erfolg. Doch woran liegt es, dass trotzdem im Verbraucherschutz noch immer kein Bundesland die Note „gut“ erreicht?

Die Durchschnittsnote der Länder hat sich von 4,0 auf 3,6 verbessert. Wir erreichen also mit dem Index das Ziel, den Wettbewerb um guten Verbraucherschutz anzuregen. Doch es gibt auch bei den Besten noch Luft nach oben. So liegt NRW insgesamt auf dem zweiten Rang, aber bei der Lebensmittelüberwachung auf dem letzten Platz. Spitzenreiter Hamburg ist bei der Grundfinanzierung seiner Verbraucherzentrale nur im Mittelfeld, gerechnet pro Einwohner, und Schlusslicht, gerechnet als Anteil am Gesamtetat der Verbraucherzentrale.

Die VZ Hamburg bietet einen Angebots-Check für die private Baufinanzierung an, bei dem der günstigste Anbieter gesucht wird und der Verbraucher bis hin zu einem unterschriftsreifen Darlehensvertrag geführt wird. Wie stark wird dieser Service genutzt und welche Verhandlungsmöglichkeiten ergeben sich unter ihrer Mithilfe, die nicht lediglich den Zinssatz und die Festzinsdauer betreffen? Konkret könnte man an eine Vereinbarung eines engen Sicherungszwecks, der Sondertilgung und vorzeitigen Rückführung ohne Vorfälligkeitsentschädigung oder eines pactum de non cedendo denken.

Der Service wird stark nachgefragt. Bereits im ersten Jahr haben wir für 130 Verbraucher ein Angebot eingeholt. Weitere Ratsuchende haben unser Angebot genutzt, um bei ihrer Hausbank bessere Konditionen auszuhandeln. Da wir ohne Provision arbeiten, sind die über die von uns genutzte Plattform angebotenen Konditionen nicht verhandelbar – sie sind aber auch Spitze. Die Vereinbarung einer Sondertilgung von fünf bis zehn Prozent der vereinbarten Kreditsumme pro Jahr ist Standard. Die Zusicherung der Bank, den Kredit nicht zu verkaufen (pactum de non cedendo) ist möglich, bedeutet aber in der Regel, dass nicht das beste Angebot genommen wird (Zinsaufschlag 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte). Der Verzicht auf Vorfälligkeitsentschädigung ist denkbar, kostet aber zu viel Zins. Machbar ist die Versicherung gegen die Folgen eines berufsbedingten Umzugs (etwa 500 Euro).

Die Altersvorsorge und Geldanlage steht für viele Verbraucher in Zeiten unsicherer gewordener Rentenhöhen und valider Geldmärkte hoch im Kurs. Wie kann eine Verbraucherzentrale gerade im sehr wechselhaften Kapitalmarktsektor den Ratsuchenden zur Seite stehen, wenn die Komplexität vieler Produkte selbst für manchen Banker kaum zu durchschauen ist?

Durch Reduktion der Komplexität! Dekonstruktion des Wortgeklingels der Anbieter und klare, einfache Botschaften an die Verbraucher, das sind die Mittel der Wahl. Wir arbeiten mit „10 Tipps zum richtigen Sparen”, darunter „Kein Sparen auf Kredit, erst den Dispo in die schwarzen Zahlen bringen”, „Als Riester-Vertrag keine Rentenversicherung abschließen, Banksparpläne sind besser”, „Nicht von ‚Traumrenditen‘ und ‚Steuervorteilen‘ locken lassen” (siehe www.vzhh.de).

Die Energiepreise explodieren. Viele sprechen von kartellähnlichen Absprachen, die Politik scheint fast machtlos, die Rechtsprechung hinkt der Entwicklung augenscheinlich hinterher, will aber von sich aus eher nicht in das auch durch Spekulationen geschaffene Marktgefüge eingreifen. Brauchen wir eine stärkere Gegenmacht der Verbraucher, Entflechtungsvorschriften oder gar eine staatliche Preiskontrolle?

Die Gegenmacht der Verbraucher entwickelt sich seit der Preiswelle im Herbst 2004. Schätzungsweise eine Million Gaskunden verweigern die Zahlung erhöhter Preise, mehrere Millionen haben den Stromanbieter gewechselt. Die Bundesnetzagentur hat Luft aus den Netzentgelten gelassen, das Bundeskartellamt ist aufgewacht. Es bewegt sich also etwas. Doch das reicht nicht. Wir brauchen die eigentumsrechtliche Trennung von Netzen und Produktion sowie neue Ansätze wie Energiegenossenschaften, Rekommunalisierung und Energy Watchdogs. Ein Zurück zur staatlichen Preiskontrolle wird es nicht geben.

Die VZ Hamburg ist wie auch andernorts mit der Nährwertkennzeichnung der Lebensmittelindustrie nicht zufrieden. Verbraucher erkennen oft auch bei korrekter Angabe der Inhaltsstoffe aus Zeitmangel oder mangels Fachwissen die für sie geeigneten Produkte nicht. Stößt das Informationsmodell an seine Grenzen?

Keep it simple! Das Informationsmodell funktioniert dann, wenn es als Orientierung in Zeiten des Informations-Overkills verstanden wird. Die Ampel-Kennzeichnung weist den Verbrauchern die Richtung. Wer mehr wissen will, kann die Details lesen. Nehmen Sie das sechseckige Bio-Siegel. Das kennt heute jeder. Wenn zu Künasts Amtszeit nicht diese Schneise in den Labeldschungel gelegt worden wäre, hätten wir heute keinen Ökoboom.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Interview: Dr. Kai-Oliver Knops, Hamburg


Copyright © 2000-2010 by vur-online.de, all rights reserved.