Editorial
Aktueller Bankentest im Bereich Geldanlage – Standardlösungen nach Schema F
institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff), Hamburg
Das Vertrauen, das Kunden Banken entgegenbringen, hat sich seit dem letzten Jahr drastisch verringert. Im Rampenlicht der Kritik stand und steht dabei regelmäßig die fehlende, unzureichende oder auch schlichtweg falsche Beratung. Besonders vonseiten der Verbraucherschützer wurde früh die Kritik laut, dass Kreditinstitute vor allem ein Interesse haben: ihre Produkte zu verkaufen, was dazu führt, dass die Berücksichtigung der individuellen Situation, der Wünsche und Ziele der Kunden zur Nebensache wird. Doch gerade der durchschnittliche Bankkunde, der „Verbraucher“, benötigt aufgrund der zunehmenden Komplexität und Unüberschaubarkeit der Produkte kompetente, individuell zugeschnittene Beratung und Lösungen anstatt Produkte von der Stange.
Sind die Kreditinstitute bezüglich ihrer Beratungsleistungen tatsächlich (noch immer) so schlecht wie ihr Ruf?
Das institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) hat im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks mehrere Bankentests mit zwei Testern durchgeführt. Die Stichprobe, bei der insgesamt neun Tests durchgeführt wurden, fand Ende September/Anfang Oktober in Hamburg statt. Getestet wurden in alphabetischer Reihenfolge: die Commerzbank, Deutsche Bank, Hamburger Sparkasse, SEB, Sparda Hamburg und die Volksbank Hamburg. Bei den beiden Testpersonen handelte es um eine ältere „Kundin“ (Ende 50), die nach einer sicheren Einmalanlage nachfragte und einem jüngeren „Kunden“ (Anfang 20), der sich nach Anlagemöglichkeiten in monatlichen Sparraten für die Altersvorsorge erkundigte.
Das Testergebnis: Oft erfolgte keine Beratung, sondern nur ein reiner Produktverkauf. Die Kosten wurden vielfach nicht genannt. Eine Beratungsdokumentation fehlte fast immer. Die Kreditinstitute verkauften fast ausschließlich Rentenversicherungen, bei denen es sich regelmäßig um intransparente und renditeschwache Produkte handelt.
Trotz des unterschiedlichen Alters der Testpersonen und deren differierender Bedürfnisse wurde von den meisten Kreditinstituten nicht zwischen Altersvorsorge und Alterssicherung differenziert. Nun mag zwar grundsätzlich an den angebotenen Produkten nichts bzw. wenig auszusetzen sein. Ob sie aber den individuellen Bedürfnissen sowohl des jungen Testers als auch der älteren Testerin entsprechen und persönlich auf sie zugeschnitten sind, darf angezweifelt werden.
Positiv fielen zwei Anbieter auf, die beide vorab eine Analyse der Haushaltsituation durchführten. Das waren jedoch die Ausnahmen. Unabhängig davon, ob überhaupt eine Haushaltsanalyse und eine anschließende Beratung stattfanden, wurden von allen neun Banken und Sparkassen sowohl dem jungen Tester als auch der älteren Testerin die gleichen Produkte angeboten. Es handelte sich um Rentenversicherungen in der klassischen Variante und fondsgebundene Rentenversicherungen, in einem Fall eine Riester-Rente.
Die ältere Testerin (Ende 50) hätte mit den angebotenen Rentenversicherungen zwar in den meisten Fällen garantiert ihren Einmalbetrag, der angelegt werden sollte, innerhalb ihrer statistischen Lebenserwartung von der Versicherung zurückerhalten, mehr aber auch nicht. Die prognostizierten Überschüsse deckten, wenn überhaupt, gerade einmal die bisher langfristige Inflation ab. Erkennbar war dies für die Kundin jedoch nicht.
Alternativen wurden außer bei der SEB nicht angeboten. Die SEB offerierte unter anderem eine Rentenversicherung auf Basis von 100 % Aktienfonds an, was bei dem Alter der Testerin als sehr problematisch angesehen wird.
Die Beratung der älteren Testerin war trotz des hohen Einmalbetrages von 40.000 Euro in den meisten Fällen auffällig kurz. Hier kam die Vermutung auf, dass ältere Kunden weniger intensiv beraten werden.
Auch die Testergebnisse bezüglich des jüngeren Testers (Ende 20) waren enttäuschend. Zwar wurde auch hier in zwei Fällen eine wirkliche Haushaltsanalyse durchgeführt, doch die anschließende Beratung und die angebotenen Lösungen konnten nicht überzeugen.
Die Produkte – bei denen es sich überwiegend um Rentenversicherungen handelte – für den Einmalbetrag und die monatlichen Beiträge, entsprachen nicht einmal im Ansatz dem Bedarf des Kunden. Aufgrund der langen Laufzeiten spricht die fehlende Flexibilität sowohl in Bezug auf den Einmalbetrag als auch auf die lange Bindungsdauer an ein Produkt sowie die relativ geringe Renditeerwartung von Rentenversicherungen eher gegen derartige Produktempfehlungen. Erstaunlich war hier, dass wider Erwarten von keinem der Kreditinstitute Alternativen zu der Rentenversicherung angeboten wurden.
Dass es keine individuell auf den Kunden zugeschnittenen Lösungen gab, zeigte sich dann auch bei der fehlenden Berücksichtigung der persönlichen Wünsche des zu Beratenden: Der Tester hatte in den Gesprächen darauf hingewiesen dass er zukünftig gerne einen Auslandsaufenthalt realisieren wolle. Aufgrund dieses Wunsches fallen staatlich geförderte Produkte als Anlagemöglichkeit aus. Umso erstaunlicher war es deshalb, dass sie trotzdem angeboten wurden.
Des Weiteren unterblieb die Offenlegung der für die Geldanlage anfallenden Kosten regelmäßig. Die Tester wurden hierüber während des Beratungsgespräches in den meisten Fällen nicht aufgeklärt. Und auch in den Unterlagen der Kreditinstitute waren sie nur selten zu finden. Erst auf die ausdrückliche Nachfrage hin, nannten zwei der neun Anbieter die Kosten – unter Zuhilfenahme der Unterlagen.
Nach derartig inhaltlich dürftigen Beratungsgesprächen war es kaum verwunderlich, dass auch die Mitgabe der Beratungsdokumentation die Ausnahme blieb: Vorbildich fiel hier nur die Deutsche Bank auf, die als einzige Bank der Kundin eine Beratungsdokumentation mitgegeben hatte und sie im Vorfeld noch einmal gemeinsam mit der Testerin besprochen hat. Keine andere Bank oder Sparkasse hat ansonsten das Beratungsgespräch in irgendeiner Form zusammenfassend dokumentiert. Oft mangelte es aber schon an der Beratung selbst.
Von einer oftmals generell mangelhaften Beratung war der Schritt bis zur Falschberatung nicht groß: Falsch beraten wurde in den Fällen, in denen der (älteren) Testerin bei der kurzen Laufzeit bis zur Umschichtung für die Rentenzahlungen eine fondsgebundene Rentenversicherung ohne Garantien angeboten wurde. Die Testerin hatte den Unterschied und die Bedeutung des Aktieninvestments nicht direkt verstanden. Es ist wahrscheinlich, dass auch andere Kunden die Risiken der Produkte nicht erkennen. Mehrfach war die Beratung so katastrophal, dass das Produkt noch nicht einmal im Ansatz zum Wunsch der Tester passte.
Extreme Fehlberatung mit besonders risikoreichen Produkten (z.B. risikohafte Aktien- und Anleihegeschäfte, Alpha Express Zertifikate etc.) gab es dagegen nicht.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass unabhängig vom Alter, der Vermögens- und der Haushaltssituation durchschnittlichen Kunden die gleichen Produkte angeboten werden, selbst wenn sie nach einer langfristigen Geldanlage für das Alter fragen. Bevorzugt werden derzeit Rentenversicherungen verkauft, als klassische oder fondsgebundene Variante. Für die Tester erwies sich die Beratung als wenig hilfreich. Die Darbietung einer scheinbaren Produktvielfalt durch zahlreiche Varianten führte eher zu Verwirrungen und Unsicherheit als zu der Erarbeitung einer für die Kunden angemessenen, langfristig tragbaren Lösung. Wirkliche, auf die persönliche Situation zugeschnittene Alternativen fehlten.
Somit bleibt im Ergebnis festzuhalten, dass die Auswertung der Tests enttäuschend war, nicht zuletzt, weil in der Regel keine Alternativen zu den Versicherungsprodukten genannt wurden. Wer nach langfristigen Geldanlagen für das Alter fragt, bekommt eine private Rentenversicherung angeboten.
Eine anlage- und anlegergerechte Beratung, wie sie nach der Bond-Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes seit 1993 verbindlich ist, bleibt so unerfüllt, Schadensersatzansprüche der betroffenen Kunden sind mithin möglich. Die Verbraucherzentralen unterstützen Kunden mit eigenen Publikationen. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat vor Kurzem einen Ratgeber zur Altersvorsorge “Ampelcheck Geldanlage - Schnellkurs in Sachen Geldanlage” veröffentlicht; die Verbraucherzentrale NRW stellt kostenlos eine “Checkliste für Geldanlageanlageberatung” zum Download (http://www.vz-nrw.de/mediabig/82401A.pdf) zur Verfügung.
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